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Mythos Dreimonatskoliken

Manche Babys weinen häufiger, als dessen Eltern es vorher erwartet haben. Sie weinen, ohne dass ein offensichtlicher Grund dafür erkennbar ist. Alle naheliegenden anderen Gründe werden ausgeschlossen: Dein Baby ist satt, die Windel frisch gewechselt. Das kann es also nicht sein. Was dann?

Oft ist dann die nahe liegende Idee: Das Baby hat Bauchweh! Denn irgendetwas muss es ja sein. Und Bauchweh erscheint den ratlosen Erwachsenen zumindest halbwegs plausibel – und man hat eine „richtige Diagnose“. Das hilft schon mal, denn sie benennt zumindest das Problem und nimmt es ernst. Das war es dann aber meist auch schon – denn alle Tropfen oder Tees, Zäpfchen oder Öle, die zu diesem Zweck verkauft werden, wirken nicht so, wie man es sich gewünscht hat: meistens wenig oder gar nicht oder nur zufällig. Und, dies ist der nächste Gedanke des gesunden Menschenverstandes, sie würden wirken, wenn das Weinen des Babys ganz stofflich-organisch und tatsächlich Blähungen oder Koliken als Ursache hätte.

Die neuere Forschung geht mittlerweile davon aus, dass es sich bei den typischen „Dreimonatskoliken“ um einen Mythos handelt. Oder dass zumindest „der Bauch an sich“ gar nicht das Problem darstellt, sondern dass es sich um eine generelle Unreifesymptomatik handelt.

Ein Baby kommt, verglichen mit anderen Säugetieren, sehr unfertig auf die Welt. Verglichen mit einem Zebrafohlen oder einem Kälbchen kann ein Baby viele Monate lang eigentlich noch gar nichts allein. Deshalb nennt man das erste Lebensvierteljahr eines Babys auch häufig „das vierte Schwangerschaftstrimenon“.

Nun müssen Babys unmittelbar nach der Geburt sehr plötzlich ihre gemütliche und vertraute Umgebung aufgeben, und damit unter anderem auch ihre Nabelschnurversorgung. Sie müssen selbst für ihre Nahrung sorgen, Milch trinken und diese dann verdauen. Das ist eine enorme Herausforderung für Dein Baby!

Und das merkt man ihm auch an: Verdauen ist Arbeit! Es strampelt, windet sich, zieht die Beinchen an. Es drückt, knurrt, schnauft, wird dabei rot im Gesicht vor lauter Anstrengung. Es pupst wie die Weltmeister. Und weint, kurz bevor es dann endlich, erlösend, in die Hose macht.

All das tun alle Babys, das ist vollkommen normal. Verdauen ist Arbeit mit Ganzkörpereinsatz.

Ein Ansatz zur Erklärung des Phänomens, das so viele Eltern beschäftigt, ist eher ein neurophysiologisches. Babys kommen eben auch mit einem (natürlich noch) unreifen Nervensystem auf die Welt. War es in der Gebärmutter noch sehr gleichförmig, warm, „nah bei Mama“ und bezogen auf alle Sinne recht homogen, so muss Dein Baby nun, kaum ist es auf der Welt, nicht plötzlich nur „essen und verdauen“.

Es muss auch unglaublich viele Reize verarbeiten. Alle Sinneswahrnehmungen haben sich für dein Baby mit der Geburt vollkommen verändert. Die Geräusche sind anders, es gibt keinen „mütterlichen Klangteppich“ mehr. Es ist hell und verdammt bunt auf dieser Welt. Dein Baby liegt in seinem Bettchen und spürt dort nur die Unterlage, drumherum ist freier, „leerer Raum“. Es muss sich mit all dem vollkommen neu orientieren. All diese Reize verursachen quasi ein wildes Neuronengewitter im Gehirn Deines Babys.

Es scheint, dass Babys, die viel weinen, damit zu Beginn ihres Lebens überfordert sind. Hinzu kommt, dass die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen und „einfach einzuschlafen, wenn es müde ist“ noch nicht vorhanden ist. Autoregulation nennt man das. Babys, die viel weinen, scheinen es mit dem Schlaf-Wach-Rhythmus schwerer zu haben. Oft wachen sie schnell wieder auf, schlafen nur kurz und oberflächlich und erreichen selten den entspannenden Tiefschlaf. Das Einschlafen und Sich-selbst-beruhigen, muss das Baby erst lernen, es braucht am Anfang dazu die Hilfe und Unterstützung der Eltern.

Am ehesten gelingt dies, indem Du Dich in die Welt Deines noch ungeborenen Babys hineinversetzt und auf verschiedenen Ebenen gebärmutterähnliche Verhältnisse schaffst. Diese Welt ist ihm vertraut und macht es ihm leichter, etwas allmählicher auf dieser ganz neuen Welt anzukommen.

  • Es ist sicher nicht mein erster Tipp, mit Deinem Baby zu sämtlichen Autoritäten zu rennen, wie Kinderarzt, Osteopath, Physiotherapeut. Dein Baby ist nicht krank, nicht unnormal, nicht irgendwas. Es ist ein Baby. Und Ihr alle müsst erstmal in diesem neuen Leben ankommen, das man sich streckenweise schlicht SO überhaupt nicht vorgestellt hat.
  • Und doch: Mittlerweile gibt es in allen größeren Städten so genannte „Schreiambulanzen“. Wenn es wirklich schlimm ist, kann das eine ganz wertvolle Anlaufstelle sein, um Deinen Kontakt zu Deinem Kind zu stärken und die Mama-Baby-Kommunikation verständnisvoller zu gestalten.

Das hilft Deinem Baby

  • Herumtragen, also intensiver, naher Körperkontakt ist oft das Einzige, was hilft. Ein Tragetuch kann da entlastend sein, weil Du beide Hände frei hast, um etwas zu essen, ein paar Tassen in den Geschirrspüler zu stellen oder einfach ein bisschen „herumzupuzzeln“.
  • Auch das so genannte „Pucken“, also das feste Einwickeln des Babys gibt Halt und Begrenzung und tut vielen Babys gut. Deine Hebamme kann Dir zeigen, wie das geht.
  • Es ist erwiesenermaßen vollkommen egal, was Du isst oder trinkst! Deine Ernährung ist nicht verantwortlich dafür, dass Dein Baby weint oder mit seinem Bäuchlein zu kämpfen scheint.
  • Sehr bald hast Du auch ein Gespür dafür, welche Tageszeiten besser oder schwieriger sind. Richte Deinen Tagesablauf danach – Dein Baby wird nicht auf Deine Essens- und Schlafbedürfnisse Rücksicht nehmen können. Wenn es mal schläft: Erst essen, dann duschen. In dieser Reihenfolge. An ganz guten Tagen geht vielleicht sogar beides. Wenn Du „schnell mails checken oder staubsaugen“ davor gepackt hast: rächt sich das!
  • Oder gleich mit Baby ins Bett und im Liegen stillen. Mit Glück schlaft Ihr beide dabei ein!
  • Sorge für eine reizarme Umgebung. Verschiebe Ausflüge zur nächsten H&M-Filiale und zu IKEA auf später. Lade sparsam Besuch ein und nur Menschen, die Du wirklich gerne um Dich hast.
  • Treffe Dich mit Freundinnen oder anderen Müttern zum Spazierengehen. Das geht am ehesten zu verabredeten Zeiten. Zu Hause oder im Café ist fast immer viel schwieriger. Latte-to-go ist, da bin ich mir vollkommen sicher, erfunden worden für frische Mütter!
  • Sorge für Deine eigene Entlastung, damit diese auch für Dich so anstrengende Phase etwas leichter wird. Es ist wichtig, dass Du Deine Akkus auflädst. Wenn Du für Deine Entspannung sorgst, sorgst Du auch für die Entspannung Deines Kindes. Also: Organisiere eine Putzfee, kaufe online ein, nimm die Angebote der Omas an (wenn das für Dich eine wirkliche Entlastung ist). Eine halbe Stunde Kaffee trinken im Lieblingscafé, während die Studentin von gegenüber mit dem Kinderwagen um den Block schiebt, kann Gold wert sein!

Und bei allem, was so anstrengend ist in dieser neuen Zeit für Dich als Mutter: Denke immer daran – es ist eine Phase. Wenn dein Baby drei bis vier Monate alt ist, macht es einen enormen Entwicklungssprung. Es ist dann sozusagen „angekommen“. Und dann wird Vieles wieder ein bisschen einfacher.

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