Buchrezension: Die Autogeburt. Gebären in Zeiten von Jens Spahn

01. April 2018

Das bewährte Bestesellerduo aus meiner wunderbaren Kollegin Anja Gaca und der bindungsorientierten Pädagogin Susanne Mierau hat mit diesem neuen Buch mal wieder ein Gespür für gesellschafts- und gesundheitspolitische Trends bewiesen. Mit Ihrem neuen Werk greifen sie eine neue Bewegung auf, der bald aus der Geburtslandschaft nicht mehr wegzudenken sein wird und beschreiben es folgerichtig als „urbanen Trend“: Die Autogeburt.

Das, was auf den ersten Blick ein unglücklicher Kompromiss aus Alleingeburt und und städteplanerischem Versagen in Sachen Sechsspurigkeit der gängigen Ausfallstraßen anmutet, wird bei genauerem Hinsehen eine echte Alternative für eine selbstbestimmte und autarke Geburt. Immerhin werden in Deutschland schon jetzt über 3.000 Kinder im Jahr ohne geburtshilfliche Versorgung allein geboren. Vorbild-Land Schweden mit seiner maximal zentralisierten Geburtshilfe macht Mut: Da geht noch mehr!

Wie auch in ihren vorangegangenen Büchern zeichnet sich auch dieses durch eine  pfiffige und sehr praktische Umsetzung des neuen Themenfeldes aus. Werdende Eltern erfahren alles, um einen selbständigen und guten Start ins Elternsein zu erleben.

Das reicht von einfachen Tips, wie das Innere eines Autos es mit jedem Kreißsaal aufnehmen kann, wie etwa die smarte Umwidmung der Mittelkonsole als Gebärhocker oder die Möglichkeiten an Lagerungshilfen, die ein Airbag bieten kann. Auch praktische Dinge, an die man möglicherweise nicht direkt denkt, wie etwa das Parken unter Straßenlaternen zur Batterieschonung finden ihren Platz.

Natürlich muss der medizinische Laie auch ein paar fachliche Dinge wissen. Glücklicherweise ist in so einem Auto ja alles da, was gebraucht wird. So erfahren Leserinnen und Leser, wie sich mit wenigen Handgriffen aus dem Inhalt eines Erste-Hilfe-Kastens ein vollständiges Geburtenset improvisieren lässt, dass sich die Scheibenwaschanlagenflüssigkeit durchaus auch aushilfsweise als Händedesinfektionsmittel eignet, wie man mit dem Eiskratzer fachgerecht die Nabelschnur durchtrennen kann und dass sich die Plazenta selbst hervorragend als Wärmeaggregat eignet, um eine inkubatorähnliche Umgebung für ein womöglich frühgeborenes Baby zu schaffen, vor allem bei winterlichen Bedingungen ohne Standheizung.

Auch ein paar schlaue Lifehacks für besondere Situationen sind dabei, wie sich etwa eine mobile Absaugevorrichtung mithilfe der Stromversorgung des Zigarettenanzünders, eines iPhone-Ladekabels und den Strohhalmen vom letzten Schnellrestaurant-Drive-In-Besuches, die noch irgendwo im Fußraum zu finden sein dürften, basteln lässt. Diese Buchteile dürften vor allem für Risikoschwangere wichtig sein und für diejenigen werden Eltern, die sich alternativ besser in einem Perinatalzentrum Level 1 am besten aufgehoben gefühlt hätten.

Getreu der Linie der beiden erfolgreichen Autorinnen finden auch bindungsorientierte Ansätze ihren wohlverdienten Platz: „Erste Bindungserfahrung mithilfe des Sicherheitsgurtes“ ist nur ein Beispiel für diese Gedanken, die auch im Auto ihre zielgerichtete Umsetzung finden.

Das ausführliche Inhaltsverzeichnis findet sich hier auf der Verlags-Seite des Buches.

Jens Spahn, den die beiden Autorinnen folgerichtig als Autor des Vorwortes gewinnen konnten, zeigt sich in seinem einfühlsamen Vorwort als Experte. Ganz zutreffend konstatiert er auch an dieser Stelle noch einmal seine Blickrichtung als neuer Gesundheitsminister auf die geburtshilfliche Lage:

 

„Eine Geburt passiert ja nicht plötzlich und auch nicht alle zwei Wochen. Da kann man schon mal bereit sein weiter zu fahren.“

 

Recht hat der Mann, halten sich immerhin die Mehrheit von 3 % aller Babies an den errechneten Termin. An dieser Zahl gibt es natürlich Optimierungsbedarf. Spahn zeigt noch einmal auf, wie dies trotz sicher notwendiger Personaleinsparungen zukünftig noch verbessert werden kann, eine Erhöhung der Einleitungsquote und der geplanten Kaiserschnitte sind nur zwei der denkbaren Lösungsansätze.

Vor allem die Zahlen der großen, zentralisierten Geburtskliniken zeigen, dass wir da bereits auf dem richtigen Weg sind.

Alles in allem: Ein gelungenes Buch, das Maßstäbe setzen wird, wie trendgerechtes Auto-Birthing gelingen kann!

5 Sterne!

 

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