#coolmomsdontjudge – ein Hashtag, eine Kampagne und hohe Wellen.

18. Juni 2018

(Keine Kooperation, keine Werbung, keine Bezahlung für irgendetwas!)

Nachdem in den letzten Wochen in den sozialen Medien viel und sehr euphorisch über die Kampagne des relativ neuen, kleinen Babynahrungshersteller Löwenzahn organics #coolmomsdontjudge geschrieben und geteilt wurde, gibt es nun auch (öffentliche) kritische Stimmen, gestern zum Beipiel von der Journalistin und Autorin Nora Imlau auf Instagram.

Ich hatte nach einer dieser Veranstaltungen von Löwenzahn, einem Panel mit ein paar wirklich „cooler Moms“ hier in Berlin (denn ich war – unbezahlt – dort und hatte (wirklich) gute, differenzierte Gespräche) diesem Thema eine lange und nachdenkliche #dienstagssprechstunde in den Insta-Stories gewidmet, in der es genau um dieses „Judgement“ ging. Die ist ja bekanntlich nach 24 Stunden wieder offline, daher hier an dieser Stelle nochmal ein paar Gedanken dazu (und auch zu dem, was sich seit gestern zu dieser Diskussion entwickelt hat).

Ich hatte zuvor wirklich ernsthaft überlegt, überhaupt zu dieser Veranstaltung zu gehen (weil es einen WHO-Kodex zur Muttermilchersatznahrung gibt, dem wir Hebammen uns verpflichtet fühlen, und diese Kampagne verstößt in Teilen – mit ihrer Werbung und Produktweitergabe von Folgemilch in den Goodie-Bags – gegen diesen Kodex in konsequenter Auslegung), und habe auch lange mit meiner Freundin und Hebammen-Kollegin, der Autorin und Bloggerin Anja Gaca, die dazu auch eine sehr differenzierte Meinung hat, gesprochen. Und zwar aus genau den Gründen, die Nora in ihrem Post anspricht: Es ist eine Kampagne, hinter der ein Marketing-Gedanke steht, wie bei allen Marketingkampagnen auf dieser Welt. Wir neigen nun eben allerdings sehr schnell dazu, solcherlei Kampagnen in „gut“ oder „schlecht“ einzuteilen.

Ich habe mich dann entschieden, dorthin zu gehen, nicht zuletzt, weil ich fast alle Frauen des Panels kenne, es für eine smarte Mischung von Frauen befand und mich letztlich natürlich auch wie Bolle interessiere für dieses Thema und den Diskurs. Und weil die Message: Cool Moms don´t judge natürlich ganz und gar super ist.

Dass es Firmen (und im besten Fall „gute“, damit meine ich in diesem Fall: demeter, und eben auch transparent, ethisch) geben soll und muss, die Muttermilch-Ersatzpräparate herstellen, ist nämlich gar keine Frage. In meiner wandlungsfähigen Wahrnehmung ist Löwenzahn eine solche Firma. Brauchte ich Muttermilchersatznahrung, kaufte ich diese lieber als von einem Großkonzern (auch mein dahinter liegender Glaubenssatz: „Großkonzerne sind böse“ wäre natürlich zu überprüfen) oder gar von Nestlé.

Aber darf man aus #coolmomsdontjudge machen (oder steckt das als eigentliche Aussage dahinter): „Coole Mütter urteilen nicht, denn eine nicht-stillende Mutter ist genauso cool wie eine stillende, denn eigentlich ist es alles ja sowieso eine freie Entscheidung, und, hey, das Recht auf eine freie Entscheidung haben wir uns so was von hart erkämpft und ich habe natürlich das Recht, mich auch gegen das Stillen zu entscheiden, und letztlich ist das ja fast genauso wie Muttermilch, mindestens aber: gleich gut?“

 

Als Hebamme habe ich natürlich Bauchschmerzen bei der Aussage, dass Fläschchengeben genau so „gut“ ist, wie Flasche füttern. Denn: Nein, das ist es nicht.

 

Und so schmerzhaft genau dieser Satz für die Frauen ist, die es so sehr und so unbedingt stillen wollten (meine Kollegin Maria, die für Löwenzahn im Panel saß, hat ihre persönliche Geschichte dazu, in der double-bind-Rolle als Hebamme sehr berührend erzählt) – Formulamilch ist eben nicht gleich gut wie die Muttermilch – noch nicht mal in Bezug auf die Inhaltsstoffe, die kein Labor der Welt nachbauen kann. Die anderen Aspekte, wie etwa der Hautkontakt, das Oxytocin (mal als zwei von mehreren Beispielen) gar nicht erst mitzitiert.

Ganz nüchtern aus der wissenschaftlichen Sicht ist das so, auch wenn das in diesem Kontext kein populärer Satz ist, oder reaktionär, anti-feministisch oder sogar unsolidarisch klingen mag.

 

Schwierig wird es nun da, wo es um „Liebe“ geht: „Stillen ist Liebe – Flaschegeben auch“. Auch das stimmt natürlich gleichzeitig!

 

Auch diesen so betitelten Artikel in der zeitonline von Nora Imlau habe ich noch mal gelesen und Euch hier verlinkt.

Mir macht das nochmal deutlich, wie komplex dieses Thema ist – denn die Kritik an der Marketingkampagne (oder dem, was man dahinter vermuten könnte) lässt sich nicht ohne weiteres neben die Inhalte jenes Zeit-Artikels stellen. Es stammt aber beides aus der Feder der gleichen Autorin. Man kann also offenbar beides nebeneinander für richtig halten.

Dieser Zeit-Artikel hat sehr polarisiert. Es tauchen Nazivergleiche auf, das ist immer gefährlich, Nora als Journalistin weiß das. Sie hat diesen Vergleich also entsprechend bewusst benutzt, um die empfundene Not und den Druck der nicht-stillenden Mütter plastisch darzustellen. Ich persönlich habe aber aus genau diesem Grund ein Problem mit diesem Artikel, aber das ist ein anderes Thema.

Also: Ich verstehe Frauen nur zu gut, die nach einem schwierigen Stillstart mit Schmerzen, zu wenig Milch und einem brüllenden Baby irgendwann das Handtuch werfen, nachdem sie mit literweise Milchbildungstee, Nahrungsergänzung, Pumpe und sieben Salben rumgeeiert haben. Und die sich nicht mehr anhören wollen: „Hast Du es wirklich auch lange genug (gut genug) versucht? Wirklich alles gegeben?“ Myass, meine Brustwarzen hingen in Fransen, ich habe mir Brusternährungsschläuche an die Brüste getaped, ja, ich habe alles versucht, und jetzt bitte alle: Klappe halten, möchten man dann schreien, vermute ich mal.

Vermutlich möchte man damit auch den Schmerz aus sich raus schreien, den es macht, weil man es sich so sehr gewünscht hat und man es nun mit der eigenen Unperfektheit zu tun bekommt, mit Kontrollverlust und damit, dass dieses ganze Schwanger-Ding und Gebär-Ding und Still-Ding einfach so verdammt ungerecht verteilt ist.

Gleichzeitig weiß ich aber eben auch, dass viele Frauen zwar alles gegeben, aber eben nicht alles gewusst haben und fachlich eben nicht hinreichend kompetent betreut worden sind. Das ist mein fachliches: Ja – aber! an der Stelle. Nicht nur mein letzter Post Mehr Milch hat mir durch Eure Zuschriften wieder mal schmerzlich gezeigt, dass so viel schon am Start schief laufen kann, so dass am Ende dabei raus kommt: Ich konnte leider nicht stillen.

 

Selbstbestimmungsrecht ist auch so ein Thema, bei dem man sich – komischerweise gerade im Kontext Frau – auch sehr schnell auf sehr dünnes Eis begeben kann.

 

Was sagt das über die „freie Entscheidung“, die wir meinen zu treffen, wenn uns einfach niemand sagt, ganz zu Beginn der Stillbeziehung, was jetzt zu tun ist? Und zwar genau jetzt, konsequent und genau so, denn das Zeitfenster ist klein? Wenn in der Klinik kein Personal da ist, die Wochenbettbetreuung so schlecht bezahlt ist, dass die Hebamme sich eben nicht eine Stunde daneben setzen kann (womöglich mehr als einmal am Tag, wenn das Baby zum Zeitpunkt des Hausbesuchs dann auch zufällig auch noch im Tiefschlaf ist) und man sich den erst versucht, irgendwie selbst zusammenzugoogeln?

Das Gleiche gilt für Kaiserschnitte, im Rahmen der #coolmomsdontjudge-Kampagne die zweite Hauptdisziplin in der Rechtfertigungsolympiade.

Um das auch hier ganz klar zu sagen: Ich kenne tatsächlich in meinem Umfeld keine Frauen, die andere im persönlichen Kontext dafür unverhohlen oder subtil, verurteilen, judgen also, wenn eine Frau per Kaiserschnitt geboren hat. Ich nehme die Nachfragen von Frauen, die es allerdings vielfach gibt, eher als wirkliches, authentisches und emphatisches Interesse wahr. Oh, Du hattest einen Kaiserschnitt – erzähl doch mal.

Was ich aber kenne, sind Frauen, die betroffen sind, und permanent dazu befragt werden und keine Lust haben, mit jedem und jeder über derart Privates zu sprechen.

Dass Frauen nach einem Kaiserschnitt verständlicherweise keine Lust darauf haben, stets und ständig jeder PEKiP-Muddi Auskünfte zu erteilen, verstehe ich ausgesprochen gut. Ist aber ein anderes Thema. Sicher sind auch nicht alle Menschen das, was man mitfühlend nennen mag. Es überrascht ja schon immer wieder, wie sehr manche Mütter dazu neigen, das, worüber sie sprechen (oder auch: urteilen), durch die Brille des selbst-so-Erlebten betrachten. Und vermutlich ist das genau eine Variante des „judgens“, um die es geht in der Kampagne.

Für mich geht es in beidem, dem unfreiwilligen Nicht-Stillen-Können und dem unfreiwilligen Kaiserschnitt, viel um unverarbeitete, schmerzhafte oder zumindest unschöne Gedanken. Immer wieder das. Also quasi das „self-judging“. Und ganz ehrlich, auch darüber sprach ich in der #dienstagssprechstunde, ich hätte das auch. Ich bin Expertin dafür. Ich hatte nur einfach verdammtes Glück mit meinen Geburten und Stillbeziehungen, und ich bin mir dessen sehr bewusst.

Es sind einfach so zentrale Elemente des Frau-Seins (das kann man mystifiziert nennen, meiner Erfahrung nach ist es das), dass man da nicht gefühlsneutral sein kann.

Meine Aufgabe als Hebamme ist es, mich nicht an den Grundsatzzweifeln über die Gebärkompetenz von Frauen zu beteiligen, sondern Frauen darin zu bestärken. Gegen teilweise erwiesenermaßen vorgeschobenen Argumenten. Dagegen zu kämpfen, dass ein gesellschaftliches Bild entsteht, bei dem es für „normal“ gehalten wird, dass ein Drittel aller Babys per Kaiserschnitt auf die Welt kommen (müssen). Denn diese Zahl ist natürlich kritisch zu hinterfragen, von allen Berufsgruppen, die dafür verantwortlich zeichnen. 15 % Sectioquote ist das, was die WHO in Ländern mit gutem medizinischen Standard als benchmark für „Goldstandard“ hält. Alles andere ist ein Armutszeugnis und heißt schlicht: Wir können´s nicht besser.

Man kann nicht wirklich von „freier Entscheidung“ sprechen, die wir meinen zu treffen, wenn es heißt: „Oh, eine Beckenendlage. Naja, das ist dann natürlich ein gewisses Risiko für das Baby. Und Sie sind immerhin Erstgebärende. Und über 35. Und klein ist Ihr Baby auch ganz und gar nicht. Aber, klar, Sie entscheiden das natürlich, ist ja Ihr Baby und nicht meins.“

Dass das alles jeder Evidenz entbehrt, steht auf einem anderen Blatt bzw. wird der Frau natürlich noch nicht mal gesagt. Das ist dann auch nicht mehr notwendig. Denn das Argument „Angst“ zieht immer.

Nachsatz, wie bestellt (und stimmt wirklich). Während ich diesen Post hier im Café schreibe, werde ich von einer Mutter angesprochen, die vor einem halben Jahr bei mir im Geburtsvorbereitungskurs war (nur im Kurs, ich war nicht ihre betreuende Hebamme). Ihr Baby lag in BEL und ich habe ihr damals sehr konkret geraten: Wenn Du die Chance auf eine vaginale Geburt haben willst, gehe in DAS Krankenhaus xy. Höre nicht auf Deinen niedergelassenen Frauenarzt, der – ausgebildet in den 80er/90er Jahren – in seiner ganzen Berufslaufbahn möglicherweise keine einzige vaginale BEL-Geburt gesehen hat. Bestimmt ein guter Frauenarzt. Aber kein guter Ratgeber in dieser Frage. Denn: Heute weiß man es besser.

Sie bedankte sich sehr herzlich, sie hatte eine gute, spontane Geburt – und wir beide wissen, dass sie überall sonst den Bauch aufgeschnitten bekommen hätte.

Was lernen wir daraus? Es ist, wie so oft, eben komplex, oben steht das irgendwo schon mal, und am Ende dieses Artikels bleibt es dabei. Keine Lösung, keine Antwort. Aber ein lebendiger Diskurs. Und wenn die Kampagne nur dazu gut war – ist sie ein wertvoller Beitrag.