Dr. Google in der Schwangerschaft

02. Februar 2018

Manchmal überkommt es mich, jetzt zum Beispiel. Da rege ich mich ein kleines bisschen auf. Ich sollte wissen, dass das nicht unbedingt der beste Zustand ist, um sich zu äußern, schon mal gar nicht schriftlich, schon mal gar nicht social. Mache ich heute aber trotzdem, aus diversen aktuellen Anlässen, die heute (dingdong, Freitag Nachmittag) über mich hereinschwappten.

Der erste Anlass ist vergleichsweise harmlos, deshalb hab ich ihm das obige Bild gewidmet. Ich habe mich dieser Tage dazu hinreißen lassen, mich auf Instagram in eine heitere Diskussionsrunde einzumischen (was ich aus verschiedenen Gründen selten tue). Eine hübsche, fröhliche junge schwangeren Frau nimmt auf ihrem Account ihre zahlreichen Follower nicht nur mit in ihre wunderschöne Altbauwohnung, sondern thematisiert auch ihren Alltag, der nun, hochschwanger und im Mutterschutz, natürlich auch von Letzterem geprägt ist.

Wir erfahren, was sie alles in ihren Klinikkoffer packt, dass sie sich frühmorgens zum Yoga aufmacht, dass sie (wie wir alle) die frisch gewaschenen Baby-Bodys sieben Mal in ihrer Kommode hin- und hersortiert, auch welche Gedanken sie sich macht, etwa zum Geburtsort, zum Schlafen im Elternbett, oder, viel diskutiert: Braucht man eine Wärmelampe? Kurzweiliger, sympathischer „Preggo-Content“, um mal im Insta-Sprech zu bleiben.

Nun war sie vor einigen Tagen erkältet. Wie zu allen Themen gab es (viele Menschen folgen ihr und fiebern mit) gleich jede Menge „tolle Tipps“. Oder nennen wir es lieber „Ratschläge“ weil: Hier passt es mal.

Ich will hier keine Diskussion vom Zaun brechen, wie man das so findet: Anteile des Privatlebens (hier explizit: die Schwangerschaft) auf sozialen Plattformen zu „teilen“. Und sich dem, was daraus resultiert, natürlich irgendwie auch freiwillig auszusetzen. Kann man viel drüber diskutieren, mir geht es um das, was dann passierte, nämlich wie dann Menschen (die zu über 99 % medizinische Laien sind) ihre Meinung und ihr anekdotisches Wissen in die Welt tragen. Also: eine erkältete Schwangere, im januargraunasskalten Berlin vermutlich kein medizinisches Kuriosum.

Josi schrieb: Ingwertee täte ihr gut.

Von meiner Seite aus: Herzlichen Glückwunsch, prima. Am besten noch Zitrone und Honig dazu, vielleicht ein Zweig Thymian und eine ordentlich Hühnersuppe auf den Herd. Und schön auf dem Sofa bleiben mit warmen Füßen.

Teile ihrer Followerschaft brachen nun aber zwei Themenblöcke vom Zaun.

Numero eins: Krank werden in den letzten Wochen der Schwangerschaft sei ein typisches Zeichen für die bald beginnende Geburt. Interessant, man lernt ja nie aus. Ich hatte das nämlich in fast 24 Jahren Hebamme-Sein bisher noch nicht mitbekommen. Im Gegenteil: Frauen mit einem Infekt bekommen ihr Baby tendenziell eher erstmal gar nicht, bis Mama wieder gesund ist.

Numero zwei: Diese Gruppe meinte es ebenfalls gut und warnte eindringlich vor Ingwertee, das könne Wehen auslösen. Ich weiß natürlich, dass das an allen und Ecken erzählt wird. Schlimmer ist es eigentlich nur beim Himbeerblättertee (der ebenfalls keine Wehen auslöst). Umgekehrt dürfen Frauen natürlich kein Magnesium am Ende der Schwangerschaft nehmen, weil man sonst die Geburt einleiten muss – „Kein Wunder, dass Sie keine Wehen bekommen“. Oder Beckenbodenübungen machen am Ende der Schwangerschaft, ganz blöd, dann wird der ja hart wie Beton. Ich könnte endlos so weitermachen.

Ein Grund für diese hartnäckigen Mythen ist sicherlich „das Internet“. Wenn man mal davon ausgeht, dass mindestens 98 % dessen, was man findet, wenn man obige Suchanfrage über google startet, Laiencontent ist, wundert das auch kaum. Man landet entweder in Foren (in denen Mandy und Cindy sich gegenseitig erzählen, wie das so bei ihr war) oder in Portalen, in denen unterbezahlte Praktikantinnen redaktionelle Texte aus Wikipedia und anderen Portalen (und Foren) zusammenklöppeln, eben daraus, was man so findet auf den ersten beiden Trefferseiten. Für mehr reicht die Geduld heutzutage nirgends mehr und außerdem ist man dann ja auch bereits bei der geforderten Zeichensaal angekommen. Ich habe lange genug selbst für Portale geschrieben und redigiert, um zu wissen: So läuft das zumindest in weiten Teilen.

Man könnte also sagen: Ein sich selbst generierendes System mit dem Grundprinzip des Voneinander-Abschreibens. Content schlägt alles und die Masse machts. Suchvolumen, Klickzahlen, Sex sells, und Schwangerschaft erst recht.

Nicht zu vergessen natürlich die zahlreichen Mütter-Blogs mit höchst unterschiedlichem Abitioniertheitsgrad. Auch hier findet man gern „Die 10 besten Tipps bei einem Milchstau“. Auch drei eigene Kinder qualifizieren da zu Einigem.

Im direkten Miteinander von sich gegenseitig beratenden Schwangeren taucht dann früher oder später das  Totschlagargument für oder gegen alles Mögliche auf (bei der zaghaften Frage nach der Quelle dieses Herrschaftswissens): „Meine Hebamme hat gesagt …“ (In diesen Kontexten übrigens häufiger: „Meine Hebi hat gesagt“). Es könnte alternativ auch „mein Arzt“ sein, aber eher nicht im Kontext Kräutertee, das ist Hoheitsgebiet der Hebamme natürlich.

Ich habe überhaupt nichts gegen Weitergabe von Wissen. Das passiert viel zu wenig, einerseits. Gab es früher noch so etwas wie eine weitergegebene, traditionelle Frauenweisheit, geht man heute lieber zum Experten oder konsultiert eben „das Internet“, wo es kein Gegenüber, kein Antlitz, kein wirkliches Miteinander und Einfühlen gibt (auch dazu könnte man … nicht heute).

Wenn man denn schon im Internet unterwegs ist, könnte man damit beginnen, sich seriöse Quellen zu suchen. Was meint Ihr, wie oft ich das tue: Am Abend Studien suchen, lesen, staunen, Methodik angucken, verwerfen, weiterlesen. (Und damit leben, dass die Wissenschaft letztlich so wenig weiß. Viel vermutet. Wenig versteht. Zumindest viel weniger, als sie oft vorgibt. Oder der Laie denkt.)

Und natürlich findet man da auch was zu Ingwer und Schwangerschaft. Unter anderem (auf die Schnelle, aber ich habe genug dazu gelesen) diese: Inhibitory activity of ginger rhizome on airway and uterine smooth muscle preparations. European Food Research and Technology: Volume 224, Number 4 / February, 2007. Und zig, zig weitere, die belegen, dass Ingwer (in ausreichend hoher Dosis, im Studiensetting meist als standardisiertes Extrakt) ganz wunderbar hilft gegen Schwangerschaftsübelkeit, am besten kombiniert in Hochdosisgabe von Vitamin B6 übrigens, aber auch das ist ein anderes Thema. Das würde man vermutlich auch nicht gerade in der fragilen Frühschwangerschaft verordnen wollen, wenn es ernsthafte Gründe zur Annahme gäbe, dass Ingwer die Gebärmuttermuskulatur zu vermehrten Kontraktionen hinreißen ließe.

Alles das ließ mich auf Instagram (ein wenig entnervt) schreiben, dass das Quatsch sei. Naja, vielleicht ein bisschen harsch formuliert (und auch ein Totschlagargument), in diesem Fall aber belegbar zutreffend. Dennoch bekam ich dann zu hören (Bingo): Die Hebamme habe gesagt … Es ging da um anekdotische Erfahrung. Auch die ist sicher wichtig und prägt das, was wir nach vielen Jahren „Erfahrung“ nennen. Sie ist aber ebenfalls tückisch. Weil wir mit einer selektiven Wahrnehmung in der Welt unterwegs sind. Es gibt Dinge, die fallen uns mehr auf als andere. Und dann neigt der Mensch dazu, Ursache-Wirkungsbeziehungen herzustellen. Und – zack: Aus zwei Frauen, die nach dem Genuss einer Tasse Ingwertee Kontraktionen oder gar ihr Baby bekamen wird dann ganz schnell: Ingwer-Tee macht Wehen (jaha, er ist im Stadelmann-Wehen-Tee enthalten. Ich hatte bisher keine Gelegenheit, mich mit Ingeborg Stadelmann darüber zu unterhalten, würde dies aber sehr gern tun. Zimt ist auch drin in diesem Tee. Und alle Jahre wieder rufen mich Frauen am zweiten Advent an, ob sie jetzt wegen drei Zimtsternen schon mal vorsorglich den Krankenwagen anrufen sollten). In etwa die gleiche Evidenz fände sich vermutlich zu der These: Der Genuss eines Blaubeermuffins macht Wehen. (Oder Treppensteigen, Baden oder Rotwein, aber auch das wieder: anderes Thema.)

Ich finde es toll, dass Menschen „der Natur“ so viel Wirkung zutrauen (täten sie es an andere Stelle doch genau so). Aber ganz grundsätzlich lässt sich eine Schwangerschaft nicht so leicht stören durch das versehentliche Trinken einer Tasse Kräutertee. Oder zwei.

So. In Sachen Rumgemotze: Ich habe fertig.

Fast, denn der Grund, warum ich das schreibe ist, dass ich derlei verunsicherte Frauen täglich in der Praxis habe. Täglich. Und weinend. Nicht nur Josi wandte sich per „DM“ an mich, weil sie maximal verunsichert war ob dieser Welle der „Ratschläge“.

Allein heute gab es: Eine weitere Frau, die sich sicher war, dass sie eine erneute Fehlgeburt haben würde, weil die Übelkeit ganz plötzlich von heute auf morgen nachgelassen habe (und selektives googeln dieser Sorge in weiten Teilen zustimmte). Noch eine „meiner“ Schwangeren kam vom Klinik-Anmeldgespräch, hatte ein paar Kontraktionen und wähnte sich nach ausgiebiger Internet-Konsultation wegen ihrer Beckenendlage gleich am besten aufgehoben an der intravenösen Wehenhemmung oder möglicherweise doch gleich auf dem OP-Tisch.

Schwangere Frauen sind so fragil, so weich, so emotional, so wunderbar. Sie ticken einfach anders. Gegen die existenziellen Themen, mit denen man es zu tun bekommt, wenn man ein Baby unter dem Herzen trägt, kommt die Rationalität einfach nicht an. Oft zum Glück, aber bei Sorgen und Ängsten schlägt einem das so gnadenlos in die Magengrube. Also seid alle vorsichtig, wie ihr mit schwangeren Frauen sprecht. Was ihr ihnen erzählt und was nicht. Habt ein offenes Ohr, schließt nicht so viel von Euch und Euren Geschichten auf das Gegenüber. Und manchmal heißt das, ganz banal: Einfach mal die Klappe halten.

(Und Ihr Schwangeren: Googelt nicht so viel!)