Every Woman is a Rose! Gewalt in der Geburtshilfe.

24. November 2017

Morgen, am 25. November, ist der RoseRevolution Day.

Der Tag, in sozialen Netzwerken unter #rosrev verhashtaggt, ist ein internationaler Aktionstag für eine achtsame, gewaltfreie Geburt. Für das, was eigentlich das Selbstverständlichste der Welt sein sollte. Ein Menschenrecht, ein Frauenrecht, ein Babyrecht. Und dennoch erfährt dieser Tag, der 2011 von der englischen Doula und Geburtsaktivistin Jesusa Ricoy ins Leben gerufen wurde, mehr und mehr Beachtung und Verbreitung über die sozialen Medien – und leider eben genau deshalb, weil es eben nicht das Selbstverständlichste der Welt ist, unter der Geburt eine achtsame, unterstützende Begleitung vom geburtshilflichen Personal zu erfahren.

An diesem Tag legen Frauen, die unter der Geburt Verletzungen durch das Krankenhauspersonal erfahren haben, vor der Kreißsaaltür eine rosa Rose nieder. Als Symbol für die Schönheit und Zartheit ihrer verletzten Frauenseele und ihres Körpers.

Manch eine legt auch einen Brief dazu, in dem die stumme Entrüstung Worte und ein Gegenüber finden kann. Ein Foto davon kann dann über die sozialen Netzwerke verbreitet werden, um dem stillen Leid eine Stimme zu geben.

Bevor Du weiterliest, beachte bitte dies: Dieser folgende Artikel kann auf schwangere Frauen beängstigend wirken, oder Gefühle wieder an die Oberfläche spülen von Erfahrungen, die Du möglicherweise bei einer zurückliegenden Geburt gemacht hast. Überlege also an dieser Stelle, ob Du weiterlesen möchtest, oder Dich vor einem „Zuviel an Information“ schützen möchtest.

Genau in diesem Zwiespalt befinde ich mich als Hebamme, vor allem in meiner Arbeit mit Erstgebärenden, permanent.

Ich weiß um die Zustände in den geburtshilflichen Kliniken in weiten Teilen der Republik. Ich habe lange selbst in der klinischen Geburtshilfe gearbeitet. Ich weiß, dass es an vielen unterschiedlichen Punkten wichtig ist, im Vorweg für sich selbst zu überlegen, was man gern möchte und was nicht. Dies auch mit dem Partner (oder der Partnerin) zu besprechen und es gemeinsam dem Klinikpersonal zu kommunizieren.

Wichtiger, als man möglicherweise vorher denkt. Weil es immer noch einen großen Gap gibt zwischen evidenzbasierten Wissen, was eine gute und interventionsarme Geburtsbegleitung ist, das, was man in der Medizin „Goldstandard“ nennt und dem, was vielerorts, vermutlich an fast jeder Geburtsklinik in Deutschland in der Praxis immer noch tagtäglich stattfindet. Weil das, was in den Infoabenden der Kliniken oft als „die Athmosphäre einer Haugeburt mit der Sicherheit einer Klinik“ verklärt wird, mit der Realität wenig zu tun hat. Es ist das Blaue vom Himmel.

Ich weiß, dass man ein Recht hat auf romantische, unbelastete Vorfreude auf die Geburt.Und ein Recht auf Nicht-Wissen.

Ich weiß, dass Geschichten über die Details, was alles blöd laufen kann unter der Geburt, ängstigen und verunsichern können, und ich als Hebamme möchte in der Vorbereitung auf die Geburt das Gegenteil davon tun.

Vermutlich hat man als Laie mehr Angst vor einer um den Hals gewickelten Nabelschnur (häufig und so gut wie immer vollkommen ungefährlich) oder einem blitzeblau aus der Mutter herausschlüpfenden Baby (häufig und so gut wie immer vollkommen ungefährlich), als vor einer übergriffigen Hebamme oder einem proaktiven Geburtshelfer.

Das ist in etwa so, als hätte man Angst vorm Flugzeugfliegen und nicht davor, mit 180 km/h bei Dauerregen über die Autobahn zu brettern: irrational und gegen die Gesetze der Statistik.

Vor einigen Tagen hörte ich ein bewegendes Radiofeature im Deutschlandfunk von Marie von Kuck. Es wird die Geschichte von .einer jungen Ärztin erzählt, in freudiger Erwartung, die unter der Geburt ein Desaster erlebt.. Sie beschreibt,  wie eine gut, eine physiologisch laufende Geburt durch Interventionen massiv ge- und zerstört wird.

Das Schlimme beim Hören dieser Geschichte ist für mich auch mit all meiner praktischen Erfahrung, dass es ein massives Auseinanderdriften der Wahrnehmung einer Geburt gibt, und dass genau das relativ häufig ist. Die Geburt, von jener Frau als absolutes Trauma erlebt, steht als „Spontangeburt“ im Geburtenbuch und Arzt und Hebamme klopfen sich auf die Schultern.

Oft in solchen Situationen eskaliert die Lage mit zunächst harmlos scheinenden Routinemaßnahmen. Da wird die Frau erstmal gebeten sich hinzulegen, „nur fürs CTG“. Sie wird nicht gefragt, in welcher Körperhaltung sie gerade den Wehen am besten begegnen kann. Es wird ein venöser Zugang gelegt, „zur Sicherheit“. Klingt alles gut und nachvollziehbar, kann aber schon die Frau aus ihrem Rhythmus bringen. Eine Geburt ist leicht störbar.

Mit dem Gebären unerfahren, KANN man nicht verstehen, warum so schon eine ungünstige Weiche gestellt wird. Hebammen wissen das, alle, denn das ist Konsens. Das sagt die Lehrmeinung, das sagt die WHO.

Und munter weiter geht es: Durch eine eingeschränkte Mobilität werden die Schmerzen richtig doof, ein Opiat wird gespritzt. Die Wehen lassen durch die Opiatswirkung nach, im Quality-Handbuch-Kreißsaal stehen Vorgaben, wann wie schnell die Muttermundseröffnung fortschreiten muss. Die Geburt kommt ins Schleppen, einWehentropf „nur zur Unterstützung, da fehlt gerade die Kraft“ wird angelegt (die häufigste Folge von routinehaften venösen Zugängen übrigens, denn man hat ihn ja schon mal). Dadurch werden die Wehen zwar nicht kräftiger, aber häufiger. Das Kind kriegt Stress. Jetzt erstrecht: Bitte unbedingt liegenbleiben, wir müssen das Kind gut überwachen. Eine PDA wird nötig, und am Ende brauchen dann nicht wenige dieser Geburten handfeste Unterstützung durch einen Saugglocke, oder am Ende doch noch einen Kaiserschnitt.

Das ist genau das, was ich dann eine „schuldhaft vergurkte Geburt“ nenne. Hausgemacht. Iatrogen, es gibt sogar ein schickes Fachwort dafür.

Wenn dann noch Worte wie Messer dazu kommen, die der Frau das Gefühl geben, sie sei an allem Schuld („Nun atmen Sie mal vernünftig, denken Sie mal an Ihr Kind“, „Jetzt müssen Sie wirklich mitmachen, sonst wird das hier nichts“ „Pressen Sie mal richtig, wie zum Klo – nee, so doch nicht“) und konkret verletzende medizinische Maßnahmen wie schmerzhafte vaginale Untersuchungen, bei denen der Muttermund gedehnt wird („gleich hab ich ihn auf“) oder ein Dammschnitt gemacht wird, um das Kind da endlich „rauszuholen“, obwohl er nicht indiziert war (bei nur 5-10 % aller Geburten, das sagen die Studien, ist ein Dammschnitt medizinisch indiziert), mit roher Kraft auf den Bauch der Frau gedrückt wird („ich helfe mal n bisschen von oben mit“), ist das eingetreten, was man Trauma nennt. Körperverletzung, im wörtlichen strafrechtlichen Sonne, ist es auch sicher nicht selten.

Alles das ist schlimm, so schlimm, dass mir beim Schreiben die Tränen kommen. Das ich mich schäme für alle Kolleginnen und Kollegen, die so arbeiten, ohne etwas dabei zu finden oder es noch nicht mal zu merken (ich weiß gerade nicht, was ich schlimmer finde). Tränen, die ich mit den Frauen weine, um ihre verletzten Körper, ihre Seelen, ihr Recht auf eine achtsam begleitete Geburt.

Alles das findet sich auch in dem drastischen Wort „Birthrape“ wieder. Ich finde, das trifft es in diesen Fällen präzise. Es ist Gewalt. Und es ist ein Verbrechen.

Vielleicht hilft das Wissen darum, dass es solche Verläufe gibt, damit Du Dich im Vorwege besser schützen kannst. Benenne Dinge, die Dir wichtig sind, Du wirst in Gesprächen mit Deiner Hebamme, mit geburtserfahrenen Freundinnen, im Geburtsvorbereitungskurs einiges darüber erfahren. Mittlerweile rate ich sogar: Mache das schriftlich, und zwar gemeinsam mit Deinem Partner. Schreibt einen Geburtsplan! (Das Wort ist ein Witz, planen lässt sich natürlich gar nichts) Ihr müsst beide wissen, was Euch (Euch selbst und dem jeweils anderen) wichtig ist, Dein Mann wird möglicherweise derjenige sein, der wichtige Dinge im Kreißsaal kommuniziert. Mischt Euch ein, fragt nach, sagt, was Ihr wollt (und was nicht). Tut es schon im Anmeldegespräch, tut es beim Ankommen mit Geburtsbeginn, tut es bei jedem Schichtwechsel, tut es, wenn der Arzt im Raum ist. Möglicherweise rennt Ihr offenen Türen ein. Vielleicht aber auch nicht, und dann kommt Ihr in der 08/15-Klinikroutine mit Euren individuellen Wünschen leicht unter die Räder.

Wichtig: Man muss so eine Geburt, die jetzt vielleicht nicht die Erfüllung einer Traumgeburt war, im Nachhinein nicht zwangsläufig als „schlimm“ wahrnehmen.

Zum Glück. Da helfen uns Endorphine, nicht zuletzt die oxytocingetränkte Situation nach der Geburt, in denen uns vieles egal ist und sich ein gnädiger Schleier des: „Was solls, das war jetzt gerade echt ein Brett und nicht Ponyhof, aber – hier ist mein Baby und ich habe geschafft“ über alles legt. Danke, Hormone, die bügeln so manches wieder glatt, und zwar spontan und ohne Psychotherapie.

Wenn Du aber eine solche traumatische Geburtserfahrung gemacht hast, und es auch so empfindest, gibt es Hilfe.

Der erste wichtige Schritt ist es, zu verstehen und anzuerkennen, dass Du traumatisierte worden bist. Es kann sein, dass Du dissoziierte Erinnerungen an die Geburt hast und alles wie durch Glas wahrnimmst, von außen, als sei das alles ein falsche Film. Oder innerlich sogar ganz ausgestiegen bist und einen richtigen „Filmriss“ erlebt hast. Oder einfach nur empfindest, dass es das Schrecklichste war, was Dir jemals widerfahren ist. Vielleicht rutscht Du in eine Depression, der Kontakt zu Deinem Baby ist „irgendwie unterbrochen“, Du fühlst Dich schlecht. Sprich mit Deiner Hebamme. Suche Kontakt zu Frauen, die Ähnliches erlebt haben. Und vielleicht, morgen am RoseRevolution Day: Lege eine Rose nieder. dort, wo Dir Leid angetan wurde. Und falls nicht: Meine Rose oben im Bild ist auch für Dich.

 

Weiterführende links:

Initiative für eine gerechte Geburtshilfe

Schatten und Licht – Krise rund um die Geburt 

 

Bücher

(keine affiliate-links, sehr gern im Buchladen um die Ecke kaufen)

Tanja Sahib: Es ist vorbei – ich weiß es nur noch nicht: Bewältigung traumatischer Geburtserfahrungen

Brigitte Meissner: Emotionale Narben aus Schwangerschaft und Geburt auflösen: Mutter-Kind-Bindungen heilen oder unterstützen