Kate im Wochenbett oder: Wie zerrüttet muss man aussehen nach einer Geburt?

06. Mai 2018

Anlässlich der Geburt von Royal Baby Nummer drei, Prinz Louis Arthur Charles, habe ich in der letzten Woche in der Dienstagssprechstunde auf Instagram über die ambulante Geburt gesprochen. Im Allgemeinen und im Speziellen. Ich mag es natürlich immer sehr, wenn Themen, an denen mein Hebammenherz hängt, durch Menschen, die eine große öffentliche Wahrnehmung haben, transportiert werden, weil sie dann ein Stückchen weiter im allgemeinen Bewusstsein ankommen und nehme das sehr gern als Aufhänger. Und als anglophile Frau habe ich natürlich eine gewisse Beziehung zum englischen Königshaus, aber das ist ein anderes Thema.

In dem Fall ging es mir im Wesentlichen darum, nochmal einige Worte darüber zu verlieren, dass man nach einer Geburt nicht etwa als alleinig richtigem oder gar sicheren Ort in einem Krankenhaus aufgehoben sein muss, sondern das Wochenbett von Beginn an zu Hause verbringen kann, und was es da so an Punkten zu bedenken und vorzubereiten gibt.

Was bei öffentlichen Personen (die an diesem Punkt mein vollstes Mitleid haben, denn sie gehören nicht zu denen, die ihr Privatestes freiwillig öffentlich machen und via Instagram oder anderen sozialen Medien schon erste Ultraschallbilder, erste Wehen und erste Muttertränen teilen) nun die unausweichliche Begleitmusik ist, sind öffentliche Kommentare. Zu allem, auf Schritt und Tritt. Und bei Frauen geht es dann ziemlich schnell um Äußerlichkeiten. Die dann keine sind, dazu komme ich gleich.

Schon bei der Vorankündigung des Themas der Live-Sprechstunde erreichten mich auf Instagram mehrere Anregungen, ich möge doch auch mal bitte was zu Kate sagen. Also dazu, wie sie aussieht. Welches Körperbild da so transportiert würde. Was das mit uns „normalen Frauen“ macht.

Daraufhin sah ich mir die kurzen Bilder, die Kate beim Verlassen der Klinik zeigten, noch einmal ganz genau an. Und sah: Nichts, was ich als „Show“, als „Augen zu und denk an England“ oder Ähnliches identifizieren würde.

Ich sah eine strahlende junge Frau, die glücklich und sicher noch etwa wackelig auf den Beinen ihr frisch geborenes Baby zum wartenden Auto trug, eine Strecke von etwa zehn Metern und fünf Treppenstufen.

Strahlend. Glücklich, es geschafft zu haben. Ein bisschen stolz. Sicher auch erschöpft.

Was mich dann irritierte und was sicher auch der Hintergrund einiger der Nachfragen war: Dieses Bild wurde nicht geglaubt. Kann ja gar nicht sein, dass man aussieht wie das blühende Leben, nach so einer Geburt. Das ist doch nicht die Wirklichkeit. Typisch Promi. Typisch Scheinrealität. Wo ist die Erschöpfung, die Zerstörtheit?

Und das ist für mich Problem Nummer eins: Das öffentliche Bild von „Geburt“ rangiert irgendwo in den Kategorien „schrecklich“ und „hoffentlich schnell vorbei“. Dass sich eine Geburt eben genau durch die Gleichzeitigkeit von eigentlich (oder sonst im Leben) oft unvereinbaren Gegensätzen auszeichnet, ist erstmal merkwürdig und ungewohnt, aber eben auch sehr sehr typisch. Es ist schmerzhaft und gleichzeitig „wow“. Es scheint unschaffbar und ist es gleichzeitig doch. Gebären ist beyond.

Ganz klar ist: Gebären ist eine Grenzerfahrung, möglicherweise auch eine Zumutung. Jeder, der eine Geburt erlebt hat, weiß das. Welche Gestalt dieses zunächst leblose Wort dann hatte und welch existenzielle Formen es anzunehmen vermag, gehört zu den Dingen, die man sich vor einer Geburt wohl tatsächlich schwerlich vorstellen kann, hier habe ich schon einmal darüber geschrieben. Und zudem ist Gebären eine ausgesprochen unterschiedliche Erfahrung. Weil Geburten unterschiedlich sind. Und die Erschöpfung danach, die liegt in den ersten Lebensstunden häufig unter einem Endorphinhigh verborgen.

„Frauen können gebären“ heißt eben auch: Es zerstört sie nicht zwangsläufig.

Eine Drittgebärende, die eine zügige und interventionsarme Geburt hinter sich hat, sieht, tatsächlich sogar in aller Regel so aus wie Kate auf diesen Bildern, die da um die Welt gingen. Strahlend. Endorphinberauscht. Eine Wangenröte und ein Glow, den niemand aus dem royalen Hair-Makeup-Team so hinkriegt. Ich habe es als Hebamme hundertfach so erlebt.

In den Stunden nach einer Geburt fühlen sich Frauen nach solchen tollen (nicht weniger krassen, heftigen, abgefahrenen, psychedelischen) Geburten oft wirklich so, als könnten sie Bäume ausreißen. High. Gerade die Frauen nach zweiten oder dritten Geburten muss man oft bremsen. Dass ich selbst drei Stunden nach der Geburt das Bedürfnis hatte, Spaghetti Bolo für die gesamte Kompanie zu kochen und genau das dann auch tat, habe ich in der Story ja schon erwähnt. Die Erschöpfung kommt dann etwas später, wenn die Endorphine sich wieder etwas beruhigt haben.

Um dann den Schwall an Kommentaren zum Szenario vor dem St. Mary Hospital zu lesen, musste nicht in die Gala, Bunte oder beliebige andere furchtbare Blätter schauen, in denen üblicherweise das Erscheinungsbild von Frauen aus dem öffentlichen Leben aufs Ausführlichste seziert wird. (Wesentlicher Teil aller Titelseiten.: 5kg zu viel – sie lässt sich gehen! Oder der Alkohol? oder 5kg weniger – Magersucht. Oder Depression/ Nervenzusammenbruch).

Nein, es war Instagram und Twitter, wo eine Welle losgetreten wurde, die beweisen sollten, wie unrealistisch dieses Bild ist und wie unfair. Es wurden jede Menge Fotos nebeneinander montiert, auf denen Frauen ihre „ersten Fotos nach der Geburt“ (sonst im Feed immer mit Filter, hier absichtlich nicht – kommt immer drauf an, was man gerade zeigen will) denen von Kate gegenüber gestellt wurden. Realität: Frauen nach offenbar sehr, sehr anstrengenden Geburten, die meisten im Klinikdress, einige offensichtlich nach OP-Erfahrungen, mit noch aufgeklebten EKG-Elektroden. Und dann daneben, Fake-News, Kate im roten Kleid und mit gefönten Haaren.

Und natürlich ist es heavy, dass Gebären nicht so ganz wenigen Frauen körperliche Erfahrungen beschert, die sowieso nicht witzig, aber auch zunächst weit davon entfernt sind, irgendetwas davon „toll“ gefunden zu werden. Die sich eher fühlen, wie vom Laster überfahren. Die eigentlich nichts sehnlicher brauchen als vier Wochen Müttergenesungswerk. Und dann geht man natürlich auch nicht ambulant nachhause.

Das Leben ist tatsächlich überhaupt nicht gerecht verteilt, und beim Gebären ist das wirklich, wirklich sehr offenkundig so. Kate hat schlicht auch Glück: Sie gehört offenbar zu den Frauen, denen glatte (ich schreibe nicht: leichte) Geburten geschenkt sind.

Die Frage hier ist ja eben nur: Darf man das nicht zeigen? Tollerwiese gibt es dank  #bodypositivity #loveyourstretchmarks #nobodyshaming eine wirkliche Welle und einen wichtigen Gegentrend zu irren afterbabybody-Bauch-weg-Challenges, um die grandiosen Leistungen des Körpers während der Schwangerschaft, der Geburt und danach, gebührend zu feiern und einen freundlichen Umgang zu finden mit sich, seinem Körper und den biographischen Linien, die sich von Kopf bis Fuß zeigen jenseits der 25 oder nach der Geburt von ein bis drei Kindern. Aber umgekehrt dürfen sich auch die Frauen über ihren Körper freuen oder über ihr emotionales Glück nach Geburten, wenn sie sich komplett unversehrt fühlen oder darüber öffentlich glücklich sein, dass sie interventionsfreie Wassergeburten im heimischen Birth-Pool hatten und keinen traumatischen Notkaiserschnitt und entspannte, langdauernde Stillbeziehungen. Auch sie tun das nicht, um anderen schlechte Gefühle zu bereiten, denen all das nicht geschenkt war.

Und nochmal zurück zu Kate: Sicher wird sie jemanden an ihrer Seite gehabt haben, der ihr nochmal kurz die Nase gepudert hat und die Haare gekämmt. Aber sicher wurde sie nicht von der strengen Kammerzofe in ein Mieder gezwängt, um irgendwie „vorzeigbar“ auszusehen.

(Übrigens, das Kleid: War es nicht das von Mia Farow in Rosemarys Baby? Auch über den Hintersinn dessen wurde tatsächlich munter diskutiert. Und in dem Kontext gleich, weil man schonmal dabei war, weiter über Roman Polanski und #metoo. Und die Highheels. Oh my Godess! Immerhin macht man damit kleine Schritte, nicht zu viele und tonisiert, Funfact, tatsächlich den Beckenboden ne ganze Ecke besser als mit Birkenstocks. Und seit wann, edition f, sind Highheels jetzt plötzlich reaktionär oder ein Symbol weiblicher Unterdrückung?)

Honestly, Leute. Was hätte sie nach der Meinung der sich Aufregenden denn tun sollen? Mit verschmierter Wimperntusche, bekleidet mit einer sexy Netzhose, die noch nicht mal versucht, Wöchnerinnenbinden zu verstecken und einem Flügelhemdchen kurz mal den geschätzten 500 Millionen Menschen live vor den Fernsehern Welt zuwinken? Sich aus dem Hintereingang schleichen?

Kate hat sich danach im Übrigen, ganz so wie es alle Hebammen dieser Welt aus guten Gründen predigen, ins ungestörte Wochenbett begeben. Es wird kolportiert, dass sich die kleine Familie nach dem frühen Wochenbett komplett auf ihren den Sommersitz der Familie Middleton zurückziehen wird und bis zum Herbst keine öffentliche Termine geplant sind (außer der Hochzeit ihres Schwagers in ein paar Tagen, aber auch das wäre bei Lieschen Müller kaum anders). Daumen hoch, würde ich sagen, Babyflitterwochen ahoi.

Sie hat also in den 2 Minuten 53 Sekunden vor dem Krankenhaus schnell mal ihre monarchische Pflicht abgefrühstückt, es hinter sich gebracht und den wartenden Kameras Bilder geliefert und sich danach vorbildhaft ins Bett und ins Private zurückgezogen. Auf meinen Insta-Feeds sehe ich da deutlich mehr Frauen, die am 5. Wochenbett-Tag ihre Shopping-Tour zu H&M (Still-BH kaufen!) oder das erste Eis am Badesee posten.

Seid sicher, auch Kate hat mittlerweile ihren Milcheinschuss hinter sich und während des Babyblues etliche Verzweiflungstränen vergossen. Wir sitzen nämlich alle im selben Boot. In allen Unterschieden, mit allen unseren Aufgaben, Themen, Schicksalen. Lasst uns dessen immer wieder bewusst sein. Und freundlich, herzwarm uns selbst gegenüber und den Mitmamas um uns rum. Vielleicht auch der Mutter  im PEKIP-Kurs, deren Baby natürlich schon seit Wochen durchschläft … denn auch sie hat ihre Geschichte.