Schneller mit Kristeller

24. November 2018

Der Geburtshelfer Samuel Kristeller beschrieb 1867 zum ersten Mal einen Handgriff, der am Ende der Geburt für ein schnelleres Herausschlüpfen des Babys sorgen sollte, und der bis heute angewandt wird. „Kristellern“bedeutet also: Dieses Manöver anwenden.

Dabei wird – meistens vom geburtshelfenden Arzt oder Ärztin – während der Wehe kräftiger Druck auf den oberen Teil der Gebärmutter ausgeübt. Je nach „Technik“ des Anwenders geschieht dies entweder mit beiden Händen oder mit dem gesamten Unterarm. Um die aufgewendete Kraft zielgerichtet zu nutzen, ist ein guter Winkel notwendig, deshalb stellen sich die Anwender dazu oft auf ein Treppchen neben der Frau. Wird mit dem Unterarm kristellert (speziell an diesem Vorgehen gibt es die meiste Kritik, da weniger zielgerichtet gedrückt werden kann), greift sich der/ die AnwenderIn das Bettlaken auf der gegenüberliegenden Seite des Bettes, um einen kraftvollen Hebel zu haben.

Es ist also tatsächlich einer der wenigen Momente in der Geburtshilfe, wo wirklich Kraft ausgeübt wird.

Genau deshalb hat Kristellern keine besonders gute Lobby und ist kritisch zu hinterfragen: Frauen empfinden es oft als ausgesprochen übergriffig, fühlen sich ausgeliefert, manchmal empfinden sie diesen Eingriff auch als ziemlich schmerzhaft. Selbst die Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe warnt davor, die WHO empfiehlt es auch ausdrücklich nicht. Die Studienlage ist gemessen an der Häufigkeit der Anwendung erschreckend dünn.

Manchmal wirkt es tatsächlich, wie ein  hilfloser Versiuch „irgendetwas“ zu tun, um die Geburt zu beschleunigen. Mancherorts wird der Handgriff auch relativ routinehaft eingesetzt, einfach nur deshalb, weil es dann „schneller“ geht. Blinder Aktionismus ist natürlich selten gut. Denn natürlich braucht es eine handfeste Indikation, etwa kindlicher Stress, die ein Eingreifen rechtfertigt, und eine mütterliche Aufklärung und Einwilligung.

Letzte Woche habe ich mich mit Isabel von Littleyears über das Kristellern unterhalten. Isabel hat selbst dieses Kristller-Manöver erlebt und schreibt in einem Blogartikel anlässlich des Roses Revolution Day, der internationale Aktions- und Gedenktag  gegen Gewalt in der Geburtshilfe.

Das Interview folgt nun hier unten, den Blogartikel auf Littleyears lest Ihr hier.

 

Liebe Kareen, ist es wirklich so, dass der Kristeller Handgriff in vielen anderen Ländern verboten ist? Wenn ja, wie kann es sein, dass er hierzulande so populär ist?

Dass er verboten ist, habe ich tatsächlich noch nicht gehört und auch auf die Schnelle zumindest nichts dazu gefunden. Es ist aber schon ein besonderes Phänomen, dass es für diesen Handgriff wirklich nur ganz wenig Literatur gibt, also so wenig mit klaren Evidenzen belegt wird. Wenn man das ins Verhältnis dazu setzt, wie häufig es dann doch in den Kreißsälen gemacht wird, ist das in heutigen Zeiten schon wirklich ungewöhnlich, weil es ungefähr gar nichts mit dem Goldstandard der „evidence-based medicine“, die angestrebt wird, zu tun hat. Und: Es ist in Deutschland mit Sicherheit mehr verbreitet als irgendwo sonst.

Kristellern wird tatsächlich, so habe ich das in der Praxis jedenfalls erlebt, oft noch nicht mal besonders dokumentiert und läuft so ein bisschen unter „erweitertes Handauflegen“ nach dem Motto „Wir helfen mal ein bisschen von oben“. Das ist mit Sicherheit mindestens eine Bagatellisierung eines umstrittenen Eingriffs. Es ist so ein bisschen Reptilienmedizin: Wir machen da mal was, um überhaupt etwas zu machen und weil wir das schon immer so machen – aber ob das überhaupt sinnvoll ist oder ob man gar ganz erhebliche Nebenwirkungen riskiert – das schauen wir uns nicht so genau an. Eigentlich gibt es so eine Herangehensweise in der modernen Medizin gar nicht mehr, das ist schon wirklich ziemlich erstaunlich.

Auch in der Fachliteratur taucht das Kristellern vorwiegend als anekdotisches Besipiel für umstrittene Inetrventionen und gut zu überlegende Manöver auf – oder in den Schilderungen von Frauen, wenn diese besonders verletzende oder traumatisierende Geburtserfahrungen gemacht haben.

Subjektiv wird es in diesen letzten Fällen dann tatsächlich ganz, ganz oft als massiver Übergriff erlebt und mündet dann in dem Satz: „Und dann hat sich der Arzt auf meinen Bauch geworfen.“

 

Ich habe den Griff bei mir selbst zwar auch als schmerzhaft und irgendwie „brutal“ empfunden, jedoch wurde mir glaubhaft die Notwendigkeit erklärt. Warum werden so wenige Frauen darauf vorbereitet, warum spricht man nicht mit ihnen, warum kommt es nicht im Geburtsvorbereitungskurs vor?

Im Geburtsvorbereitungskurs sind wir Hebammen ja in der besonderen und sehr schmalgradigen Situation, den Paaren zwei Dinge mitzugeben: Erstens das Vertrauen in eine gute Geburt, weil Frauen das nunmal können, gebären. Angst nehmen ist auch ein wirklich wichtiger Ansatz. Ich habe schon in Hypno-Birthing-Kursen hospitiert, in denen Paare saßen, die sich ganz bewusst gegen einen „klassischen“ Geburtsvorbereitungskurs entschieden haben, um nicht mit zuviel Wissen, Kopf-Futter also, überfrachtet zu werden und sich damit aus dem Zustand der angstfreien Zuversicht herauszukatapultieren.

Ich verstehe diesen Ansatz total und teile ihn auch durchaus auch in mancher Hinsicht. Gleichzeitig und zweitens weiß ich auch, was geschehen kann, wenn Paare total naiv und blauäugig in den Kreißsaal kommen und eine etwas überromantisierte Vorstellung haben von der Realität in deutschen Geburtskliniken.

Es ist in der Geburtsvorbereitung auch unsere Aufgabe, das zu tun was der Name verspricht: die Leute gut vorzubereiten. Das heißt auch, eine informierte Basis für Entscheidungen herzustellen, die vermutlich nicht ganz Augenhöhe bedeutet, aber eben eine gemeinsame Vison von Geburt klarer formuliert.

Wenn ich aber alles an nur denkbaren (und teilweise auch ganz und gar nicht seltenen) Maßnahmen, Szenarien, medizinischen Interventionen aufzähle, kann das beide Ansätze miteinander in Konflikt bringen und hier und da auch abschreckend wirken, so dass Gefühl aufkommen kann: Oh Gott, was machen die den da in den Kliniken? Hoffentlichen bekomme ich da nicht grundlos eine Geburtseinleitunginleitung, eine PDA, einen Damm- oder Kaiserschnitt verpasst! Da kann man ja nur bis an die Zähne bewaffnet mit guten Argumentationssträngen hingehen, sonst kommt man da ja unter die Räder.

Und das torpediert natürlich das eben gesagte „Vertrauensding“, auch den begleitenden Personen, also dem Klinikpersonal gegenüber. Dieser Balanceakt ist also nicht immer so leicht, deshalb lässt man vielleicht auch mal das eine oder andere Detail weg.

Zudem betreffen solcherlei Interventionen manchmal auch Szenarien, in denen eine ganz kurzfristige medizinische Entscheidung getroffen wird oder getroffen werden muss und die Frauen in der Situation dann mit einer Entscheidung eh „draußen“ sind und nicht mehr wirklich gefragt werden. Wenn man so will, ist Kristellern dann eine Notfallindikation und es wird üblicherweise auch nicht mehr diskutiert.

Du hast es so erlebt, dass Du vertrauensvoll aufgehoben warst, fühltest Dich respektiert und gesehen. Das zeigt eben, dass es oft wirklich um das „wie“ geht, Interventionen müssen eben nicht unbedingt mit einem besonders schlimm erlebten Geburtserlebnis verbunden sein.

Fehlt aber diese Grundlage, ist es für das Geburtserlebnis oft fatal und wird als massiver und sehr körperlicher Übergriff erlebt.

 

Zudem hatte ich keinerlei „Nebenwirkungen“. Wenn ich so höre, was andere hatten: die Haut ist zerrissen, blaue Brüste, noch lange starke Schmerzen… Ist es so, dass man den Kristeller-Handgriff „richtig“ und „falsch“ machen kann?

Man kann mit Anwendung von Kraft unter der Geburt sehr sehr viel falsch machen, natürlich. Ich habe eine Frau mit einnem Milzriss nach Kristellerhandgriff erlebt und ungefähr drei oder vier mit Rippenfrakturen. Hämatome, also blaue Flecken, habe ich noch nicht mal mitgezählt. Wenn man in der Literatur nachliest, findet man da Dinge, die man hier gar nicht wissen will. Also: Ja, man kann das falsch machen und manchmal – selten – geschieht das auch.

Ich könnte jetzt hier schildern, wie man den Kristeller-Handgriff laut Lehrbuch korrekt und schonend macht, und dass die meisten Autoren vor der ziemlich weit verbreiteten Praxis warnen, ihn mit dem gesamten Unterarm statt mitt flachen Händen auszuführen.

Aber was nützt dieses Wissen? Wenn der Assistenzarzt auf diesem ihm vertrauten Weg loslegt, wird er kaum der fachkundige Anleitung des Ehemannes folgen, weil dieser das so im Geburtsvorbereitungskurs gehört hat. Intervenieren gelingt ja noch nicht mal der diensthabenden Hebamme, die im geburtshilflichen Team seit Jahren so ihre Pappenheimer kennt.

Ich habe in meiner Hebammenausbildungen Anfang der 90er an einer Klinik gelernt, wo es Assistenzärzte gab, die bei JEDER Geburt kristellert haben. „Schneller mit Kristeller“ war da einfach das Motto. Und ich habe nur sehr sehr wenige Ärzte erlebt, die das wirklich sanft und gleichzeitig effektiv können.

Ich würde mal behaupten, dass es immernoch große regionale Unterschiede gibt, oder was in dieser Hinsicht eben so der „Stil des Hauses“ ist. Es gibt sicher Kliniken, da ist das immer noch so, wie ich es vor über zwei Jahrzehnten erlebt habe. Und andere, fortschrittliche Häuser, da ist jegliches überflüssiges oder gar übergriffiges Hands-On – sei es Kristellern, Dammschnitt oder routinemäßige vaginale Untersuchungen – absolut verboten, verpönt und wird vom Chefarzt mit nicht unter Drei-Jahre-Briefe-Diktieren bestraft. Solche Kliniken sollte man sich zum Gebären aussuchen, das muss man vorher intensiv abklopfen.

 

Gibt es Momente, wo auch du ihn anwenden würdest und wo du ihn für notwendig hältst?

Ein Kristellermanöver braucht immer eine Indikation, so wie jede Intervention unter der Geburt. Und sie braucht auch Aufklärung und Einwilligung der Frau, nicht wegen der guten Sitten, sondern aus streng juristischen Gründen. Kristellern ohne erfüllt ansonsten den Tatbestand der Körperverletzung.

Manchmal gibt es unter der Geburt Indikationen auch für unpopuläre Maßnahmen. Manchmal muss es auch schnell gehen, und manchmal sind zügige medizinische Handlungen notwendig, Situationen, in denen wenig Zeit und auch wenige Alternativen bleiben. Manchmal will ein Baby einfach raus, und zwar schneller, als der natürliche Weg nun noch dauern würde.

Im Einzelfall kann man dann darüber streiten, was die bessere Intervention sei: Dem Baby per Saugglocke oder per Kristellern gut und – in dem möglichen Rahmen – sanft auf die Welt zu helfen. Kristeller – das war übrigens ein Frauenarzt, der vor 150 Jahren diese Manöver zum ersten Mal beschrieb – sagte selbst nicht ganz zu Unrecht, dass ein Schub, ein Druck von außen, dem natürlichen Geburtsvorgang näher sei, als am Kind zu ziehen, damals ging das allerdings auch nur eher unsanft per Geburtszange.

Aber das sollte letztlich immer die gleiche Fragestellung sein: Braucht es eine schnelle Geburtsbeendigung, die diese Maßnahme rechtfertigt? Und nur dann, wenn die Antwort „ja“ lautet, darf man irgendetwas tun. Diese Situation ist natürlich außerordentlich selten, glücklicherweise. Es rechtfertigt jedenfalls schon zahlenmäßig in keiner Weise den achtlosen Umgang mit diesem Manöver.

Und immer, immer muss man in der Situation angemessen ruhig und klar, aber feinfühlig, respektvoll und achtsam mit der Frau sprechen. So etwas wie: „Ok, wir haben jetzt Folgendes vor, das ist jetzt notwendig, viellleicht auch etwas doof, aber don´t worry, gleich ist Dein Baby da. Wir passen gut auf Euch auf.“

Und dann geht es ja auch meistens so aus, wie Du es erlebt hast. Warum das nicht immer so geschieht, ist mir ein absolutes Rätsel. Aber es geschieht eben, und den Schuh müssen wir uns als geburtshilfliches Personal anziehen. Trauma ist nicht Trauma, wenn wir es dafür halten.

 

Was ist das Hauptproblem, warum kommt es zu „Gewalt unter der Geburt“, was können wir tun, damit die Frauen sich wohl fühlen und keine Angst haben müssen? Was kann jede Frau selbst präventiv tun?

Ich glaube, dass sich in den letzten Jahren Vieles tut, um uns Geburtshelfer zu sensibilisieren, dass das überhaupt ein Thema ist, so bitter wie das vielleicht erstmal klingt. Jahrzehntelang wurde einfach Geburtshilfe „über die Köpfe der Frauen hinweg“ gemacht. Damit Frauen sich nicht mehr alles gefallen lassen, „weil man das so macht“, ist es wichtig, gut aufgeklärt zu sein und etwa die Wahl des Geburtsortes sorgsam und angemessen kritsch zu treffen, Fragen zu stellen.

Wir haben uns neulich ja in unserem Podcast (den Artikel mit dem Soundcloud-Link findet Ihr hier) schon darüber unterhalten. Wenn das geschehen ist, nehmt die Geburtsklinik mit ins Boot, verfasst einen Geburtsplan, in dem alles das drinsteht, was man im Vorwege besprechen möchte, was man will und was nicht, über welche Maßnahmen man kurzfristig aufgeklärt werden möchte, welche Wünsche und Visionen man für die Geburt hat. Um dann auch wieder „abgeben“, ich der Geburt hingeben zu können, weil man weiß, dass ein paar grundlegende Dinge geklärt sind. Und dann: gut begleitet sicher gebären!